Wer war die Heilige Hildegard von Bingen!

Kaum eine mittelalterliche Persönlichkeit kann sich heute einer ähnlich großen Aufmerksamkeit erfreuen wie Hildegard von Bingen – eine der bedeutendsten Frauen des deutschen Mittelalters. Sie gilt heute in verschiedenen Kreisen als die erste deutsche Naturwissenschafterin, die erste schreibende Ärztin, als eine bedeutende Politikerin ihrer Zeit und sogar als die erste Feministin. In Zusammenhang mit dem aufkommenden Esoterik- und Gesundheitsboom wurden vor allem die ihr zugeschriebenen naturkundlichen Schriften herangezogen und im Rahmen der sogenannten „Hildegard-Medizin“ vermarktet. Dieser Ausdruck ist jedoch eine Erfindung des 20. Jahrhunderts.

Hildegard von Bingen hat durch ihre Denkansätze neue Impulse gesetzt und neue Blickwinkel eröffnet. Ihr selbstbewusstes, charismatisches Auftreten führte zu großer Bekanntheit. Sie wurde für viele Menschen zur Wegweiserin. Schon zu Lebzeiten nannten viele sie eine Heilige. Hildegard von Bingen begründete diese Auffassung, indem sie sich für ihre theologischen und philosophischen Aussagen immer wieder auf Visionen berief. Damit sicherte sie ihre Lehren gegen die Lehrmeinung ab, dass Frauen aus eigener Kraft nicht zu theologischen Kenntnissen in der Lage seien.

„Himmlisches mit Irdischem verbinden“ – das war zu allen Zeiten die besondere Aufgabe derer, die ihr Leben nach der Weisung des heiligen Benedikt ausrichten. Hildegard von Bingen ist in diesem Sinne ganz eine Tochter des heiligen Benedikt: Sie wollte Brückenbauerin sein zwischen Himmel und Erde und so an der Veränderung der Welt mitwirken. Es ging ihr vor allem um eine religiöse Deutung des ganzen Universums und um ein konsequent gelebtes christliches Leben in allen Bereichen des Lebens. Alles, Himmel und Erde, Glaube und Naturkunde, das menschliche Leben in all seinen Facetten und Möglichkeiten, war für sie ein Spiegel der göttlichen Liebe.

Die Nonnen der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim am Rhein verstehen sich als Gründung nach Hildegard von Bingen. Die Abtei wurde zwar erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet, dennoch knüpft das Kloster unmittelbar an die benediktinische Tradition des ehemaligen Hildegard-Klosters in Eibingen im Rheingau an. Bis heute berufen sich die Ordensfrauen auf ihre Begründerin – Hildegard von Bingen. Eine ihrer Hauptaufgaben sehen sie darin, als „Hildegards Enkel“ die Öffentlichkeit über das wahre Erbe Hildegards aufzuklären.